Ein neues Volk

Nomadelfia ist eine Gemeinschaft katholischer Freiwilligen, die die christliche Brüderlichkeit zum Grundsatz des Lebens wählt.

Unser Wunsch ist es, zu zeigen, dass es möglich ist, das Evangelium in sozialer Form zu leben. Wie? Jeder setzt sich für die anderen ein und lässt so jene Prinzipien der Gerechtigkeit und Solidarität Wirklichkeit werden, die für uns wesentlich sind. Zur Zeit sind wir ca 300 Personen.

Nomadelfia ist ein Volk von Familien, Einzelpersonen und Priestern. Nomadelfia zu wählen bedeutet einer Berufung zu folgen.

Wer in Nomadelfia lebt

Die Bevölkerung Nomadelfias besteht aus Ehepaaren, Unverheirateten und Priestern. Nach einer Probezeit von mindestens drei Jahren kann man Nomadelfe werden. 

Kinder und Jugendliche sind entweder in der Gemeinschaft geboren oder von ihr aufgenommen worden. Gäste oder Menschen in Not werden von der Gemeinschaft aufgenommen, teilen das Gemeinschaftsleben und achten deren Umfeld und Regeln. Priester und Diakone leben wie andere in der Familiengruppe. Ihr Verhältnis zum Bischof der zuständigen Diözese wird durch eine kirchenrechtliche Vereinbarung geregelt.

Die Mutter aus Berufung ist eine unverheiratete Frau, die sich ganz den aufgenommenen verwahrlosten Kindern und Jugendlichen widmet.

Es handelt sich dabei um einen sehr wichtigen Lebensstatus, sowohl geistlich als auch geschichtlich. Dank dieser Frauen konnte Nomadelfia ins Leben gerufen werden und die ersten Schritte tun.

Die Mutter aus Berufung ist keine Sozialassistentin oder professionelle Erzieherin. Sie ist eine Mama und bleibt es lebenslang.

Unsere Geschichte

 

Nomadelfia ist das Resultat eines langen individuellen und gemeinschaftlichen Weges.

Individuell, da unsere Prinzipien und Werte, unser Lebensstil vom Charisma unseres Gründers Don Zeno Saltini (1900-1981) stammen. Gemeinschaftlich, da dieses Charisma eine Gruppe von Menschen und Familien um sich schart, die sich entschieden haben, ihm nachzufolgen und einen Weg des gemeinschaftlichen Lebens zu gehen.

1931 nimmt Don Zeno während seiner Erstmesse einen eben aus dem Gefängnis entlassenen Jugendlichen als Sohn auf. 1941 schließt sich ihm Irene Bertoni, noch Gymnasiandin, an. Sie wird den aufgenommenen Kindern Mutter. Nach dem zweiten Weltkrieg folgen auch Ehepaare ihrem Beispiel.

„Ich verändere die Gesellschaft und beginne bei mir selbst.“ Mit dieser Aussage lädt Don Zeno ein, jetzt die Welt aufzubauen, in der unsere Brüder morgen leben werden.

 

1900 - 1920 - DER JUNGE ZENO

Am 30. AUGUST 1900 wird Zeno Saltini in einer patriarchalischen Familie in Fossoli di Carpi (Modena) geboren. Von seinem Großvater lernt er den Respekt vor der Arbeiterklasse und das Verantwortungsbewusstsein gegenüber den Schwächeren. Mit vierzehn Jahren weigert sich Zeno, weiter in die Schule zu gehen. Er behauptet, dass in der Schule Dinge beigebracht werden, die für das Leben nicht relevant sind und beginnt auf den Landgütern der Familie zu arbeiten. Er lebt mitten unter den Tagelöhnern, lernt ihre Not kennen und teilt ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit.

1920 - "ICH VERÄNDERE DIE GESELLSCHAFT"

Als wehrpflichtiger Soldat in der Kaserne der III. Kompanie der Telegraphisten in Florenz hat er, Katholik, in Gegenwart weiterer Soldaten eine heftige Auseinandersetzung mit einem anarchistischen Freund. Der Anarchist behauptet, dass Christus und die Kirche ein Hindernis für den menschlichen Fortschritt sind. Zeno behauptet das Gegenteil, wenn er auch zugeben muss, dass die Christen größtenteils widersprüchlich handeln. Aber der Anarchist ist im Gegensatz zu ihm sehr gebildet und ist ihm in der Diskussion überlegen. Während ihn die anderen Soldaten auspfeifen, zieht sich Zeno alleine zurück und beschließt: "Ich werde ihm mit meinem Leben antworten. Ich ändere die Kultur indem ich bei mir selbst beginne. Ich will mein ganzes Leben lang weder Diener noch Herr sein".

Er beschließt, Jura und Theologie zu studieren, widmet sich aber auch weiterhin dem Apostolat und der Rehabilitierung entgleister Jugendlicher. Don Zeno promoviert in Jura an der katholischen Universität in Mailand. Seine Absicht war es, als Rechtsanwalt diejenigen zu verteidigen, die sich keinen Verteidiger leisten konnten. Bald aber wird ihm klar, dass seine Mission eine andere ist: nämlich zu verhindern, dass die Jugendlichen erst kriminell werden. Er wird Priester.

1931 - PRIESTER - DER ERSTE SOHN

Don Zeno zelebriert seine Erstmesse im Dom von Carpi. Am Altar nimmt er einen 17 jährigen, gerade aus dem Gefängnis entlassenen Jungen zum Sohn: Danilo.

1941 - DIE ERSTE MUTTER

In S. Giacomo Roncole, bei Mirandola (Modena), nimmt Don Zeno weitere verwahrloste Kinder auf und gründet die piccoli apostoli (die Kleinen Apostel). Er schwört am Altar, nie eine Erziehungsanstalt einzurichten, sieht aber bald ein, dass die Kinder auch mütterliche Liebe brauchen. Irene, eine junge Studentin, läuft 1941 von zu Hause weg, geht zu Don Zeno und erklärt sich dazu bereit, die Mutterrolle für die Kleinen Apostel zu übernehmen. Don Zeno vertraut ihr mit dem Einverständnis des Bischofs die Kleinsten an und mit ihr entsteht eine neue, jungfräuliche Mutterschaft. Weitere junge Frauen folgen ihrem Beispiel: sie sind "mamme di vocazione" (Mütter aus Berufung). Einige Priester schließen sich don Zeno an, und ein in Gemeinschaft lebender Klerus entsteht.

1943-1945 - DER WIDERSTANDSKAMPF

Infolge des Waffenstillstandes am 8. September wird Italien von den Deutschen besetzt. Don Zeno, der mehrmals seine Meinung gegen den Faschismus, den Krieg und die Rassengesetze geäußert hatte, flieht nach Süditalien. Einige der Kinder folgen ihm, um der Deportation nach Deutschland zu entgehen. In S. Giacomo werden die piccoli apostoli schwer verfolgt, und es wird versucht, sie mit Gewalt zu zerstreuen.

Mehrere junge piccoli apostoli treten den Partisanenverbänden bei, und einige Priester der piccoli apostoli tragen zur Organisation der Widerstandsbewegung bei und ermöglichen mit gefälschten Papieren hunderten von Juden und politisch Verfolgten die Flucht in die Schweiz. Sieben der piccoli apostoli bezahlen ihre Freiheit mit dem Leben.

1947-1948 - NOMADELFIA ENTSTEHT

1947, nach Ende des Krieges, besetzen die piccoli apostoli das ehemalige Konzentrationslager in Fossoli bei Carpi, um dort ihre neue Stadt zu gründen. Sie reißen Mauern und Drahtzäune nieder. Unterdessen entstehen, neben den Familien der "mamme di vocazione" die ersten Familien von Ehepaaren, die Don Zeno darum bitten, ebenfalls elternlose oder verwahrloste Kinder aufnehmen zu dürfen. Die Paare sind fest entschlossen, diese Kinder genauso zu lieben wie die, die aus ihrer Ehe hervorgehen werden.

Am 14. Februar 1948 wird der Text einer Verfassung durchgesetzt, die später auf dem Altar unterschrieben wird. Das Werk "piccoli apostoli" wird so zu Nomadelfia, was aus dem Griechischen übersetzt soviel heißt wie: "wo Brüderlichkeit Gesetz ist".

1950 - BEWEGUNG DER BRÜDERLICHKEIT

Im Jahr 1950 schlägt Nomadelfia dem Volk eine politische Bewegung vor, die sogenannte "Bewegung der menschlichen Brüderlichkeit", um die Abschaffung jeglicher Form der Ausbeutung und eine direkte Demokratie anzuregen. Aber die Feindseligkeit der regierenden politischen Mächte und einiger kirchlicher Kreise blockiert die Initiative.

Unterdessen spitzen sich die finanziellen Schwierigkeiten der Gemeinschaft zu: Die Anzahl der Nomadelfen beläuft sich auf 1150, unter ihnen 800 aufgenommene Kinder - von denen sehr viele besondere Zuwendungen benötigen - und 150 obdach- und arbeitslose Gäste.

1952 - DIE AUFLÖSUNG

Auf Grund der finanziellen Lage Nomadelfias, gebietet der Vatikan am 5. Februar 1952 Don Zeno Nomadelfia zu verlassen. Don Zeno gehorcht. Die Nomadelfi sind gezwungen, Fossoli zu verlassen und finden in der Nähe von Grosseto Zuflucht. Sie flüchten auf ein mehrere Hektare großes Landgut, dass Maria Giovanna Albertoni Pirelli stiftete. Während zwei Jahren wohnen sie größtenteils in Zelten und beginnen, das Land urbar zu machen.

Obwohl Don Zeno weit weg von seinen Kindern lebt, versucht er sich doch um sie zu kümmern. Oft muss er einige der Jugendlichen, die nach der Zerstreuung von Nomadelfia wieder kriminell wurden, vor Gericht verteidigen.

1953 - VERZICHT AUF DAS PRIESTERAMT

Don Zeno bittet deshalb den Papst, bis auf weiteres auf die Ausübung des Priesteramtes verzichten zu dürfen, um die Leitung seiner Gemeinschaft wieder zu übernehmen. Pius XII. gewährt ihm 1953 "pro gratia", also "gnadenhalber" die Rückversetzung in den Laienstand. Er legt den Talar ab und kehrt zu seiner Gemeinschaft zurück. Nach der Zerstreuung beläuft sich die Anzahl der Nomadelfen auf etwa 400. 1954 gründet Don Zeno die "Familiengruppen".

1962 - DIE "ZWEITE ERSTMESSE"

1961 geben sich die Nomadelfi eine neue Verfassung als zivile Vereinigung und Don Zeno bittet den Hl. Stuhl, das Priesteramt wieder ausüben zu dürfen. Nomadelfia wird zur Pfarrei erhoben und Don Zeno zum Pfarrer ernannt. Am 22. Januar 1962 zelebriert er seine "zweite Erstmesse".

1965-1968 - VERKÜNDIGUNG UND FAMILIÄRE SCHULE

1965 schlägt Don Zeno den Nomadelfi eine neue Art des Apostolats vor: die "Serate" Nomadelfias, wo Tänze aus aller Welt aufgeführt werden. Seit 1968 erscheint vierteljährlich eine Zeitung "Nomadelfia è una proposta" (Nomadelfia ist ein Vorschlag). Im selben Jahr erhalten die Nomadelfi vom Erziehungsministerium die Ermächtigung, ihre Kinder innerhalb der eigenen Schule zu unterrichten.

1980 - DAS TREFFEN MIT DEM PAPST

Am 12. AUGUST 1980 als Don Zeno bereits achzig war, führen die Nomadelfi im Palast von Castelgandolfo für Johannes Paul II. eine Serata auf. Die gesamte Bevölkerung von Nomadelfia ist anwesend. Der Papst sagt unter anderem: "Wenn wir dazu berufen sind, Kinder Gottes und untereinander Brüder zu sein, dann ist die Regel, die sich Nomadelfia nennt, ein Vorgeschmack und eine Vorankündigung dieser künftigen Welt, zu der wir alle berufen sind."

15. JANUAR 1981 - DER TOD DON ZENOS

Wenige Monate später erleidet Don Zeno einen Herzinfarkt und richtet im Sterben seine letzten Worte an die Nomadelfi: ein heute noch erhaltenes Testament. Er stirbt am 15. Januar 1981 in Nomadelfia; unterdessen empfängt der Papst eine Delegation der Nomadelfi. Er betet zusammen mit ihnen für Don Zeno und gibt ihnen seinen Segen.

21. MAI 1989 - PAPST JOHANNES PAUL II. BESUCHT NOMADELFIA

Acht Jahre nach dem Tod Don Zenos, besucht Papst Johannes Paul II. Nomadelfia, "um zu sehen, wo und wie die Gemeinschaft lebt und wirkt" Er geht in eine Familiengruppe und tauft in der Kirche von Nomadelfia das jüngste Kind. Im Theaterzelt werden zwei Tänze aus dem Repertoire der Serate aufgeführt. Zum Abschluß spricht der Papst zu etwa 4000 Zuhörern: Nomadelfi, ehemalige Nomadelfi und Freunde aus ganz Italien.

"Ihr wißt genau - denn Don Zeno hat es euch mit seinem Leben gezeigt - dass man einer manchmal feindseligen und fern vom Glauben lebenden Welt mit dem Zeugnis des eigenen Lebens antworten muss, mit Taten und sichtbaren Zeichen brüderlicher Liebe. Nomadelfia kann dies tun, denn es ist ein Volk, das sich - wie sein Name besagt - am Gesetz der Brüderlichkeit inspiriert. Es lebe Nomadelfia!"

17. DEZEMBER 2016 - UDIENZ BEI PAPST FRANZISKUS

27 Jahren nach dem Besuch von Johannes Paul II, wird die gesamte Gemeinschaft im Vatikan in der Sala Clementina empfangen. Dieses Ereignis war ein großes Geschenk und bestätigt einmal mehr die große Liebe Nomadelfias für die Kirche.

Link zur Ansprache des Papstes>

10. MAI 2018 - PAPST FRANZISKUS IN NOMADELFIA

Am 10. Mai 2018 kommt Papst Franziskus nach Nomadelfia und Loppiano. Er besucht eine Familiengruppe und spricht danach zur versammelten Gemeinschaft: "Nomadelfia ist ein prophetisches Zeichen, mit dem Ziel, eine neue Gesellschaft aufzubauen und das Evangelium als gute und schöne Lebensform zu leben."“. 

Link zur Rede von Papst Franziskus>

Nomadelfia in der Kirche

In der Kirche ist Nomadelfia eine private Vereinigung gläubiger Katholiken. Die Verfassung Nomadelfias wurde am 18.Juni 2000 vom Hl. Stuhl endgültig anerkannt (Dekret Prot.N.94001494).

Nomadelfia ist eine Pfarrei mit Gemeinschaftscharakter und gehört zur Diözese Grosseto.

Nomadelfia im Staat

Für den Staat ist Nomadelfia eine zivile Vereinigung ohne Rechtstitel. Die Verfassung wurde am 22.Mai 2013 vom Staat anerkannt.

Nomadelfia wirkt durch eine landwirtschaftliche Genossenschaft, die Kulturstiftung und die "Stiftung Nomadelfia".

Unsere "Verfassung"

Als Zivilvereinigung gläubiger Kaholiken unterstehen wir unserer Verfassung. Verfassung und Regelwerk garantieren die internen demokratisch-transparenten Entscheidungen. Wir praktizieren die direkte Demokratie mit Wahlen und Abstimmungen. Jeder Mehrheitsentscheid wird einer Einheitsabstimmung unterzogen, um die Einheit der Gemeinschaft zu bewahren.

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